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Agenten im Labor

ELN, Chemotion, Boltz-2. Das Labor ist der erste Ort wo Agenten wirklich in Daten leben — nicht nur darauf zugreifen.

01 / Infrastruktur

Das Labor hat schon immer Daten gesammelt.

Electronic Lab Notebooks existieren seit den 90ern. Forscher dokumentieren Experimente, Protokolle, Messwerte, Reagenzien, Geräte. Das ist keine KI-Geschichte — das ist Wissenschafts-Infrastruktur.

Was sich gerade ändert: diese Daten sind mit einem Agenten verbindbar. ELN + Agent = ein System das nicht nur dokumentiert, sondern aus der Dokumentation lernt, Muster erkennt, nächste Schritte vorschlägt.

Das Labor ist deshalb besonders: die Daten sind strukturiert, fachlich tief, nicht öffentlich verfügbar. Ein Modell das auf PubMed trainiert ist, weiß nichts über das was in diesem Labor in den letzten fünf Jahren passiert ist.

Der Vorteil des Lab-Agenten ist kein besseres Modell.
Es ist die lokale Datenbasis.

Maker Agent
Plant Experimente, wertet aus, schlägt nächste Schritte vor
ELN Interface
Chemotion ELN — Experimente, Proben, Reaktionen
Wissensgraph
BFO-compliant KG — SPARQL-Queries auf semantischen Strukturen
Reagent MCP
Rails 8.1 + maker-* Layer — agentic Tools für ELN-Operationen
SILA 2 Standard
Geräte-Kommunikation — Spektrometer, Synthesizer, Roboter
Rohdaten / Spektren
NMR, MS, IR, HPLC — direkt im System, nicht in Ordnern
02 / Chemotion + Reagent

Das ELN als agentic Plattform.

Chemotion ist das führende Open-Source-ELN für Chemie. Es versteht Moleküle: Strukturen, Reaktionen, Stöchiometrie, Reagenzien. Es hat einen Wissensgraphen der BFO-konform ist und SPARQL-Queries erlaubt.

Reagent ist der agentic Layer darauf: Rails 8.1, maker-* Architektur, MCP-Tools die Chemotion-Operationen als Werkzeuge für Agenten exponieren. Ein Agent der Reagent versteht kann Experimente planen, Proben anlegen, Ergebnisse auswerten.

Das ist der Unterschied zu "KI für Forschung": das ist kein Chatbot der PubMed kennt. Das ist ein Agent der in den eigenen Labordaten lebt.

🧪
Experiment-Planning
Agent plant Syntheserouten aus bekannten Reagenzien im Bestand. Stöchiometrie, Sicherheit, Verfügbarkeit werden mitgedacht.
📊
Spektren-Analyse
NMR-Spektren direkt im ELN. Agent erkennt Peaks, schlägt Zuordnungen vor, vergleicht mit Literaturdaten.
🔗
Wissensgraph-Queries
SPARQL auf BFO-konformem KG. "Welche Reaktionen mit Substanz X wurden in den letzten 6 Monaten mit Ausbeute >80% durchgeführt?"
🤖
Geräte-Integration
SILA 2 verbindet ELN mit echten Laborgeräten. Agent kann Messung starten, Ergebnis abholen, im ELN dokumentieren.
03 / Boltz-2

Molekulare KI
für Wirkstoffforschung.

Boltz-2 ist das aktuelle State-of-the-Art Modell für Protein-Ligand-Interaktion. Es sagt vorher wie sich ein kleines Molekül an ein Protein bindet — und mit welcher Affinität. Das ist Wirkstoff-Screening mit KI.

Was bisher ein Labor-Jahr kostete — tausende Verbindungen synthetisieren und testen — lässt sich jetzt computational vorfiltern. Boltz-2 sagt welche Kandidaten es wert sind, im echten Labor getestet zu werden.

Der Loop: Boltz-2 sagt Strukturen voraus → ELN-Agent plant Synthese → SILA-Gerät führt aus → Ergebnis zurück ins ELN → Boltz-2 lernt aus dem Ergebnis.

Die Schleife aus Prediction, Synthese und Feedback
ist das, was "agentic science" bedeutet.

Boltz-2 Pipeline
INPUT: Protein-Sequenz + Kandidaten-Bibliothek
MODEL: Boltz-2 — Binding Affinity Prediction
OUTPUT: Top-N Kandidaten mit Binding-Score
NEXT: ELN-Agent plant Synthese der Top-Kandidaten
04 / Wissensgraph

SPARQL statt SQL.

Relationale Datenbanken sind für Tabellen gebaut. Chemisches Wissen ist ein Graph: Substanzen haben Eigenschaften, Reaktionen verbinden Substanzen, Reagenzien haben Gefahrenklassen, Protokolle referenzieren Geräte.

Chemotion hat einen BFO-konformen Wissensgraphen. BFO — Basic Formal Ontology — ist ein Standard der alle Entitäten in eine konsistente Hierarchie bringt, cross-domain interoperabel.

Was das bedeutet: ein Agent kann SPARQL-Queries stellen die eine relationale DB nie beantworten könnte. "Welche Substanzen wurden sowohl in Reaktionstyp A als auch B eingesetzt und haben dabei immer Ausbeuten über 75% erzielt?"

# Finde alle Reaktionen mit Substanz X
PREFIX chemo: <https://chemotion.net/onto/>
SELECT ?reaction ?yield ?date
WHERE {
  ?reaction chemo:usesReagent ?substanz .
  ?substanz chemo:inchiKey "BQJCRHHNABKAKU-..." .
  ?reaction chemo:yield ?yield .
  ?reaction chemo:date ?date .
  FILTER(?yield > 0.75)
}
ORDER BY DESC(?yield)
05 / Ausblick

Das Labor der nächsten Phase.

Jetzt möglich
Autonome Dokumentation
Agent schreibt Protokoll während das Experiment läuft. Kein Nachfassen, kein Vergessen.
Jetzt möglich
Reagenzien-Verwaltung
Bestands-Monitoring, automatische Nachbestellung, DSGVO-konforme Lieferanten-Kommunikation.
In Entwicklung
Hypothesen-Generation
Agent analysiert alle bisherigen Experimente und generiert testbare Hypothesen für nächste Experimente.
In Entwicklung
Gerät → Agent → ELN Loop
SILA 2 sendet Messergebnis → Agent bewertet → bucht ins ELN → plant nächstes Experiment.
Roadmap
Federation zwischen Labs
Chemotion ELN unterstützt Federation. Agenten in verschiedenen Labors können Ergebnisse teilen ohne Rohdaten zu exponieren.
Roadmap
Self-Directed Research
Agent stellt Hypothese auf, plant Experiment, bewertet Ergebnis, iteriert — mit minimalem menschlichem Eingriff.
Architektur

Was Chemotion wirklich ist —
fünf Schichten.

Chemotion ist nicht "ein ELN". Es ist gleichzeitig fünf verschiedene Dinge — und genau darin liegt sein strategischer Wert als Plattform für agentic Forschung.

1. ELN — Reaktionen, Proben, Spektren, Analysen. Rails 8.1 + React + Grape API. FAIR-Datenprinzipien eingebaut.
2. Open-Science-Infrastruktur — DFG-finanziert via NFDI4Chem (€30M+), 50+ Live-Instanzen weltweit, öffentliche Daten-Repositories.
3. Knowledge Graph — BFO-konformer Chemie-KG. AI4DiTraRe Paper (arXiv September 2025). Live SPARQL Endpoint unter ditrare.ise.fiz-karlsruhe.de.
4. Federated Network — GateAPI (JWT-basiert), 50+ Instanzen verbunden. Daten-Teilen zwischen Labs ohne Rohdaten-Exposure.
5. Multitenancy-Kandidat — Option: Federation (Schicht 4) als Multi-Lab-Lösung. PG-Schema-per-Tenant (ros-apartment) ist in Evaluation.
Chemotion vs. Kommerzielle ELNs
Feature Chemotion Benchling
Open Source
SPARQL Endpoint ✓ live
BFO-konform
Federation ✓ GateAPI
Bewertung öffentlich $6.1B

Benchling dominiert Biotech. Chemotion dominiert Open Chemistry. Verschiedene Märkte — aber derselbe Trend: proprietäre Schemas verlieren gegen Offenheit.

Reagent

Der Agentic Layer —
vollständige Architektur.

Reagent ist nicht Chemotion. Reagent ist der autonome Layer auf Chemotion: eine Rails 8.1 Applikation die Chemotion-Operationen als MCP-Tools für Agenten exponiert.

Die zentrale Sicherheitsmechanik: Chemotion::Record < ApplicationRecord mit before_create { raise "read-only" } — Reagent kann Chemotion-Daten lesen, nie schreiben. Alle Schreiboperationen gehen über die offizielle Chemotion-API.

Stack: Rails 8.1 / Ruby 4.0 + maker-* Gems als MCP-Tool-Framework + SQLite primär (SQLite ist der Default — nicht PostgreSQL) + Chemotion PostgreSQL als read-only Source.

Browser ←→ Turbo Streams ←→ ChemistryAgent
ChemistryAgent < Maker::AgentSession
┌───────────────────────┼──────────────────────┐
mcp__reagent_eln
mcp__reagent_chem
mcp__maker_db
(Chemotion DB)
(PubChem API)
(Reagent DB)
# Rails 8.1 / Ruby 4.0 + maker-* Gems
# SQLite primär — nicht PG
# Chemotion PG: read-only
Query-Architektur

Drei Wege zu chemischem Wissen —
je nach Frage.

Nicht jede Frage braucht dieselbe Abfrage-Infrastruktur. Die Drei-Tier-Architektur wählt automatisch die richtige Schicht für die richtige Frage.

TIER 1 — SCHNELL
Molecule.where(
  inchikey: "BQJCR..."
)

Direkt gegen PostgreSQL. Millisekunden. Für bekannte Verbindungen mit direktem Schlüssel.

TIER 2 — STRUKTURIERT
Chemotion::Client
  .reactions(
    reagent_id: 42
  )

Chemotion REST API. Strukturierte Abfragen über Reagenzien, Reaktionen, Proben-Beziehungen.

TIER 3 — SEMANTISCH
SPARQL gegen
Chemotion-KG
(BFO-konform)

Fragen die relationale DBs nicht beantworten können. Strukturelle Ähnlichkeit, Cross-Reagenz-Queries, semantische Beziehungen.

Tier 3 öffnet die neue Frage-Klasse: "Welche Reaktionen verwenden Verbindungen strukturell ähnlich zu Koffein mit exothermen Bedingungen und haben dabei Ausbeuten über 80% erzielt?" — Das ist nicht SQL. Das ist Wissensgraph.
SPARQL konkret

Drei echte Queries
gegen den Chemotion-KG.

Endpoint: ditrare.ise.fiz-karlsruhe.de/chemotion-kg/sparql. Diese Queries sind nicht hypothetisch — sie laufen gegen die Live-Infrastruktur.

QUERY 1 — VERBINDUNG + AUSBEUTE
# Reaktionen mit Substanz X >75%
PREFIX chemo: <...>
SELECT ?r ?yield ?date
WHERE {
  ?r chemo:usesReagent ?s.
  ?s chemo:inchiKey "BQJC...".
  ?r chemo:yield ?yield.
  FILTER(?yield > 0.75)
}
ORDER BY DESC(?yield)
QUERY 2 — BEDINGUNGEN
# Exotherme, lösungsmittelfrei
PREFIX chemo: <...>
SELECT ?r ?type
WHERE {
  ?r a chemo:Reaction.
  ?r chemo:condition ?c.
  ?c chemo:thermal "exotherm".
  ?c chemo:solvent "none".
  ?r chemo:type ?type.
}
QUERY 3 — CROSS-REAGENZ
# Substanzen in Typ-A UND Typ-B
PREFIX chemo: <...>
SELECT ?s
WHERE {
  ?rA chemo:type "TypeA";
      chemo:usesReagent ?s.
  ?rB chemo:type "TypeB";
      chemo:usesReagent ?s.
  FILTER(?rA != ?rB)
}
Ontologie

BFO — warum die Wahl
der Ontologie entscheidet.

Basic Formal Ontology (BFO) ist nicht nur ein Standard für Chemie. BFO ist der weltweit breiteste formale Ontologie-Rahmen — ISO 21838-2, kompatibel mit OBO Foundry, SNOMED CT, Gene Ontology.

Was das konkret bedeutet: Chemotion-Daten können mit Biologie-Datenbanken, Medizin-Ontologien und anderen Wissenschafts-Domains verknüpft werden. Das ist keine theoretische Möglichkeit — das ist der Grund warum Chemotion in NFDI4Chem (Nationale Forschungsdateninfrastruktur) integriert ist.

Die Alternative: Benchling, LabArchives, Quartzy — alle mit proprietären Schemas. Kein SPARQL, kein federated Query, kein Cross-Domain-Join. Daten die eingesperrt sind.

BFO ist nicht Akademiker-Overkill.
BFO ist Interoperabilität die Jahrzehnte hält.

BFO-Hierarchie (vereinfacht)
bfo:Entity
bfo:Continuant
bfo:MaterialEntity
chemo:Molecule ← Substanz X
bfo:SpatiotemporalRegion
bfo:Occurrent
bfo:Process
chemo:Reaction ← Synthese Y

Gleiche Hierarchie gilt für Biologie, Medizin, Physik. Cross-Domain-Query möglich.

Pipeline

Spektren-Interpretation
als Agent-Pipeline.

NMR-Spektren zu interpretieren ist heute ein manueller Prozess: Forscher schaut Peaks an, vergleicht mit Referenzspektren in der Literatur, schreibt Interpretation in das ELN. Für eine Verbindung: 20–60 Minuten.

Als Agent-Pipeline:

  • Analysis-Agent — Peaks identifizieren, Multiplizitäten, Kopplungskonstanten auslesen. Strukturvorschläge basierend auf bekannten Fragmenten.
  • Literature-Agent — Vergleich mit Chemotion-Repository + PubChem (500M+ Verbindungen). Ähnliche Spektren finden. Konfidenz-Score.
  • Report-Agent — Automatischer Analyse-Bericht. Typst-Template, PDF-Export, direkte ELN-Einbuchung.

Was heute 45 Minuten dauert: unter 3 Minuten. Der Forscher reviewt die Interpretation — er macht sie nicht mehr von Hand.

Spektren-Pipeline
INPUT: NMR/IR/MS Upload → Chemotion ELN
ANALYSIS: Peaks → Strukturvorschläge (Konfidenz: 0.94)
LITERATURE: PubChem + Chemotion-Repo → 3 ähnliche Verbindungen
REPORT: Typst-PDF → ELN-Einbuchung → Archiv

45 Min manuell → <3 Min mit Agent. Forscher reviewt, entscheidet nicht von Hand.

Verbindung

Cannabis-ELN —
dieselbe Infrastruktur.

Cannabis-Biochemie ist Chemie. THC, CBD, CBG, Terpene — alle analysierbar mit denselben Werkzeugen die Chemotion für organische Chemie bereitstellt.

Das ist die nicht-offensichtliche Verbindung zwischen dem Labor-Agenten und der Cannabis-Plattform: dasselbe chemische Wissensgraph-Paradigma. Andere Domain — gleiche Infrastruktur.

Was konkret möglich ist:

  • COA-Parsing — Certificate of Analysis aus Labors automatisch in Knowledge-Graph einlesen. Heute: PDFs die niemand strukturiert liest.
  • Terpenprofil-Normierung — Heute: mg/g vs. % vs. ppm je nach Labor inkonsistent. Mit Chemotion-KG als Infrastruktur: einheitliche Einheit, cross-lab vergleichbar.
  • Strain-Biochemie-Graph — 123.000+ Strain-Nodes (Terroir) verbunden mit Terpenprofil-Daten aus Chemotion. Das ist die Verbindung zwischen Genetik und Chemie.
Der Cannabis-Lab-Agent Loop
Labor-Input — COA-PDF von akkreditiertem Labor (HPLC, GC-MS)
COA-Agent — PDF-Parsing → strukturierte Cannabinoid/Terpen-Werte
KG-Einbuchung — Chemotion-KG: Werte als Verbindungen + Properties
Terroir-Match — Strain-Biochemie-Profil matched auf 123K+ Nodes
Compliance-Report — §26-Bericht als Typst-PDF, automatisch generiert
Terpen-Problem heute: jedes Labor hat andere Einheiten. Keine Vergleichbarkeit quer durch den Markt. Der Chemotion-KG als Normierungsschicht macht das lösbar — nicht mit einem Produkt, sondern mit Infrastruktur.
Wettbewerb

Die Konkurrenz — und warum
Offenheit gewinnt.

PROPRIETARY / DOMINANT
Benchling

$6.1B Bewertung. Dominant in Biotech und Pharma. Einfach, cloud-only, gut integriert. Kein SPARQL, kein Open-Source, proprietäre Schemas. Daten sind eingesperrt — im günstigsten Fall als CSV-Export.

PROPRIETARY / EINFACH
LabArchives / Quartzy

LabArchives: cloud-only, kein KG, keine SPARQL. Gut für Dokumentation, schlecht für Datenintegration. Quartzy: Inventory-fokussiert, nicht ELN. Für kleine Teams ohne Infrastruktur-Anforderungen.

OPEN / FEDERATED
Chemotion + Reagent

Open-Source, NFDI-finanziert, BFO-konform, SPARQL-fähig, federated. Defensibler durch Offenheit — nicht trotz ihr. Die Community und das Öffentliche-Gut-Argument sind ein Moat gegen kommerzielle Konkurrenz.

EMERGING / AI-FOCUSED
Labforward / SciNote

Neue Generation: KI-Features, bessere UX, mobile-ready. Aber: noch proprietär, noch keine SPARQL-Integration, noch keine BFO-Compliance. Bewegen sich in Richtung Chemotion — nicht von dort weg.

Das Labor lebt
in seinen Daten.

Das Labor ist kein Sonderfall. Es ist das klarste Beispiel für das, was Domain-Agenten leisten wenn die Datenbasis vorhanden ist: kein generisches Modell, kein Chat-Interface. Ein Agent der wirklich in seiner Domain lebt.

megorei — Juni 2026